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Tuesday, August 13, 2019

Ein Perestroika-Ära Blick auf Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie (2 von 2)

Dies ist der zweite von zwei Teilen eines 1989 erschienenen Essays des sowjetischen Dissidenten Juri Burtin. Der erste Teil ist hier.

Kapitalism vs. Sozialismus, 1989

Ein Hauptargument von Burtin ist, dass sich der Kapitalismus als wesentlich anpassungsfähiger erwies, als Marx und Engels und ihre Anhänger wahrgenommen wurden. Und dass die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der sozialistischen Volkswirtschaften offensichtlich schlechter war als die der kapitalistischen Länder. Jordan Peterson könnte Teile dieses Teils des Essays in etwas aufnehmen, das er schreibt, und niemand würde glauben, einen Qualitätsunterschied zu bemerken. Einiges davon ist geradezu banal, mit anderen Worten. Einschließlich der Rede von konservativer Ökonomie als "Markt", tatsächlich (wenn auch vage) argumentierend, dass es Märkte in der Sowjetunion nicht gäbe.

Burtin streitet lange darüber, wie die tatsächliche Intensität der Arbeit und die soziale Bedeutung einer bestimmten Art von Arbeit absolut unermesslich ist. Und dann geht man weiter zu argumentieren, dass Menschen, die in einer Hierarchie höher sind, materiell am meisten belohnt werden sollten, weil sonst jeder faul wird und keinen Ehrgeiz hat. Lager Jordan Peterson Sachen.

Er gönnt sich auch eine republikanische Argumentation des College, indem er ein breites theoretisches Argument von Engels in Anti-Dühring darüber annimmt, wie eine sozialistische Gesellschaftsorganisation die Funktion des Sozialkapitals in der Arbeit des Einzelnen als der Kapitalismus. Und antwortet darauf mit einem Petersonischen Argument, oh ja, wie du das tun wirst, huh? Bedeutet das nicht, dass Sie immer noch einen Markt haben, der das ist, was Sie abbringen wollen, huh, huh? Mit anderen Worten, auf ein breites Argument über die Gesellschaft zu antworten, indem man fragt, was das mit der Verwaltung einer einzelnen Maschinenhalle zu tun hat. Es ist ein polemischer Debattieransatz, keine tatsächliche Analyse. Und dann endet mit dem Argument, dass es keine tatsächliche Möglichkeit gibt, Arbeitsaufwand und Intensität zu messen. (S. 186-8)

Der Aufsatz ist als Kritik am Marxismus strukturiert, aber eigentlich benutzt er oberflächliche Umrahmung mit der Annahme, dass der westliche "Markt"-Kapitalismus wirtschaftlich und (offensichtlich) sozial in jeder Hinsicht dem sowjetischen Modell des Sozialismus überlegen ist.

Burtin passt die kommunistische Kritik der Sozialdemokratie nach dem Ersten Weltkrieg an, dass die Zweite Internationale eine streng deterministische Vorstellung angenommen habe, dass der Kapitalismus unweigerlich durch einen mehr oder weniger automatischen Prozess in den Sozialismus umschlagen würde und ihn zu einem Kritik an der gesamten marxistischen/sozialistischen/sozialdemokratischen Perspektive.

Der interessanteste theoretische Moment des gesamten Essays ist der Teil, in dem Burtin die marxistische Vorstellung von der Transformation des Kapitalismus in eine klassenlose sozialistisch-kommunistische Gesellschaft beschreibt, die eine gewisse Analogie zu Hegels Konzept des Endes von Geschichte, das Ende oder die Kunst usw. Aber er verfolgt es nicht einmal so weit, Hegel an dieser Stelle zu erwähnen.

Er argumentiert ausführlich, dass Marx und Engels in ihrem Verständnis der Flexibilität der kapitalistischen Herrschaft versagt hätten. Er zitiert sie aber auch als voraussehend, was er ihnen vorwirft, weil sie nicht vorhergesehen haben:
Für uns ist im gegebenen Fall nicht so sehr die konkrete als vielmehr die sozusagen präzedenz-theoretische Seite der Marxschen Mutmaßung interessant: die Möglichkeit der Unterdrückung einer progressiven Bewegung durch eine andere, nicht weniger progressive, aber einer anderen Stufe (oder Begrenzung) des Prozesses zugehörige Bewegung. (S. 202)
Die Art von Themen, die Burtin als angeblich vernichtende Kritik elementarer Ideen marxistischer Ökonomie und historischer Philosophie aufwirft, liest sich tatsächlich eher wie routinemäßige und flache Argumente der Handelskammer gegen staatliche Beschränkungen von Unternehmen und gegen Gewerkschaften. Die Art von Argumenten, die er als blinde Flecken im Marxismus des 19. Jahrhunderts aufwirft, sind weitgehend Themen, über die nichtmarxistische Ökonomie, Soziologen und Managementtheoretiker schon lange vor 1989 diskutiert und studiert hatten.

Der sehr respektable Managementtheoretiker Peter Drucker etwa wies auf den Fall von Sportmannschaften hin, die Vorstellung in Frage stellen, dass Manager mehr bezahlt werden sollen als ihre Mitarbeiter/Untergebenen. Ein Star-Fußball- oder Basketballspieler oder Superstar-Entertainer kann in einem bestimmten Jahr mehr machen, als ihr Trainer oder Führungskräfte des Unternehmens, mit denen sie zusammenarbeiten. In Vertriebsabteilungen ist es auch nicht ungewöhnlich, dass ein einzelner Verkäufer, der für Abschlussprovision arbeitet, in einem Zeitraum mehr verdient als sein Manager oder Manager. Es gibt eine lange Diskussion darüber, ob es sinnvoll ist, dass ein Unternehmen die erfolgreichsten Verkäufer als Manager fördert, da die Fähigkeiten, die das Organisationsmanagement benötigt, nicht mit identisch sind, die erforderlich sind, um ein erfolgreicher Verkäufer zu sein. Ein Gegenargument ist, dass, wenn ein Unternehmen Top-Verkäufern keine Priorität für die Beförderungen einräumt, die Motivation der Verkäufer unterminieret würde.

Selbst in grundlegenden kapitalistischen "freien" Erwägungen spielt die Schwierigkeit des Arbeitsplatzes eine gewisse Rolle bei der angebotenen Bezahlung. Ich erinnere mich, dass sich in den 1990er Jahren ein republikanischer Politiker darüber beschwerte, wie einige Busfahrer in Los Angeles 70.000 Dollar im Jahr verdienten! (Das wäre heute eher 120.000 US-Dollar.) Er ging davon aus, dass sein Publikum darüber offensichtlich empört sein würde. Aber mein unmittelbarer Gedanke war, sich zu fragen, ob er über Fahrer sprach, die Überstunden und/oder die unbeliebtesten Schichten arbeiten. Aber mein Hauptgedanke war, dass es wahrscheinlich einige Gegenden von Los Angeles gibt, dass ich nicht für das Doppelte Busfahrer werden möchte.

Burtins Essay könnte den Eindruck erwecken, dass noch nie zuvor solche Vorstellungen ernst genommen wurden.

John Kenneth Galbraith, ein berühmter, wenn auch oft abweichender Ökonom, pflegte, in Thorstein-Veblen-Stil, die Verachtung über die Vorstellungen zu heben, dass CEOs aufgrund der großen Schwierigkeiten ihrer Arbeitsplätze enorme Gehälter verdienen. In seinem letzten Buch, das zu Lebzeiten veröffentlicht wurde, The Economics of Innocent Fraud (2004), schrieb er:
"Arbeit" beschreibt sowohl das, was erzwungen ist, als auch was die Quelle des Prestiges und der Bezahlung ist, die andere eifrig suchen und genießen. Schon jetzt ist Betrug offensichtlich, wenn man für beide Umstände das gleiche Wort hat.

Aber das ist noch nicht alles. Diejenigen, die die Arbeit am meisten genießen - und das sollte betont werden - sind fast überall die Bestbezahlten. Dies wird akzeptiert. Niedriglohnskalen sind für diejenigen, die sich wiederholen, mühsam, schmerzhaft. Diejenigen, die am wenigsten eine Entschädigung für ihre Mühen benötigen, am besten ohne sie überleben könnten, werden am meisten bezahlt. Die Löhne, genauer gesagt die Gehälter, Boni und Aktienoptionen, sind die größten, an der Spitze, wo Arbeit ein Vergnügen ist. Dies ruft keine ernsthaft nachteilige Reaktion hervor. Auch bis vor kurzem führten die überhöhten Vergütungen und umfangreichen Nebenleistungen funktionaler oder nicht funktionaler Führungskräfte nicht zu kritischen Kommentaren. Dass der großzügigste Lohn für diejenigen sein sollte, die ihre Arbeit am meisten genießen, wurde voll akzeptiert. [meine Übertragung aus dem Englischen]
Die Vorstellung, dass "der Markt" irgendwie mystisch gerechte und rationale Ergebnisse aus gesellschaftlicher Sicht hervorbringt, steht heute mindestens so viel in Frage wie 1848, als das Kommunistische Manifest zum ersten Mal veröffentlicht wurde. Auch wenn das aus der Perspektive von 1989 in der UdSSR für Juri Burtin vielleicht nicht ganz so offensichtlich schien.

A perestroika era look at capitalism, socialism, and democracy (2 of 2)

This is the second of two parts on a 1989 essay by Soviet dissident writer Juri Burtin. The first part is here.

Capitalism vs. Socialism, 1989

A key argument of Burtin's is that capitalism proved itself to be far more adaptable than Marx and Engels and their adherents perceived. And that the economic performance of the socialist economies was obviously inferior to that of capitalist countries. Jordan Peterson could take chunks of this part of the essay into something he writes and no one would think notice a difference in quality. Some of it is downright trite, in other words. Including talking about conservative economics as "the market," actually (albeit vaguely) arguing that markets didn't exist in the Soviet Union.

Burtin makes a long argument about how the actual intensity of work and the social importance of a particular type of work is absolutely unmeasurable. And then proceeds to argue that's why people higher up in a hierarchy should be materially the most rewarded because otherwise everybody gets lazy and has no ambition. Stock Jordan Peterson stuff.

He also indulges in a College Republican brand of argument, taking a broad theoretical argument from Engels in Anti-Dühring about how a socialist organization of society would recognize and do fuller justice to the function of social capital in individuals' work than capitalism does. And responds to it with a Petersonian argument of, oh yeah, how you gonna do that, huh? Doesn't that mean that you still have a market which is what you want to do away with huh, huh? In other words, answering a broad argument about society by asking what does that have to do with managing an individual machine shop. It's a polemic debating approach, not an actual analysis. And then winds up arguing that there's no actual way to measure work effort and intensity. (pp. 186-8)

The essay is structured as a criticism of Marxism, but actually it uses superficial framing with an assumption that Western "market" capitalism is economically and (apparently) socially in all ways superior to the Soviet model of socialism.

Juri Burtin adapts the post-First World War Communist critique of Social Democracy, that the Second International had adopted a strictly deterministic notion that capitalism would inevitably turn into socialism by a more-or-less automatic process and makes it a criticism of the entire Marxist/socialist/social-democratic outlook.

The most interesting theoretical moment of the whole essay is the part in which Burtin describes the Marxian notion of the transformation of capitalism into a classless socialist-communist society that highlights a certain analogy to Hegel's concept of the end of history, the end or art, etc. But he doesn't pursue it even so far as to mention Hegel at that point.

He argues at length that Marx and Engels failed in their understanding of the flexibility of capitalist rule. But he also cites them as foreseeing what he criticizes them for not having forseen:
In the given case, it is not so much the concrete side of Marx's presumption that is interesting for us, but rather the precedent-theoretical side of Marx's presumption: the possibility of suppressing a progressive movement by another, no less progressive, but a movement that belongs to a different level (or limitation) of the process." (p. 202; my translation)
The kinds of issues that Burtin raises as supposedly devastating critiques of elementary ideas of Marxist economics and historical philosophy actually read more like routine and shallow Chamber of Commerce type arguments against government restrictions on business and against labor unions. The kind of arguments he raises as blind spots in 19th-century Marxism are largely issues that non-Marxist economics, sociologists, and management theorists had already been discussing and studying long before 1989.

The very respectable management theorist Peter Drucker, for instance, pointed to the case of sports teams to challenge the notion that managers should get paid more than their employees/subordinates. A star football or basketball player or superstar entertainer may make considerably more in a given year that their coaches or executives of the corporations with which they work. In sales departments, it's also not unusual for an individual salesperson working on commission to earn more in a given time period than their managers or their managers' managers. There's a long-running discussion about whether it makes sense for a company to promote the most successful salespeople to be managers, because the skills required by organizational management are not identical to those required to be a successful salesperson. A counterargument is that if a company doesn't give top salespeople priority for promotion, it would undermine the motivation of the salespeople.

Even in basic capitalist "free-market" considerations, the difficulty of the job does play some role in the pay offered. I remember back in the 1990s hearing some Republican politician complain about how some bus drivers in Los Angeles earned $70,000 a year! (Which would be more like $120,000 or so today.) He assumed that his audience would be obviously outraged by that. But my immediate thought was to wonder if he was talking about drivers working overtime and/or the most unpopular shifts. But my main thought was, there are probably some areas of Los Angeles that I wouldn't want to be a bus driver for twice that amount.

Juri Burtin's essay could give the impression that no one had ever taken such notions seriously before.

John Kenneth Galbraith, a famous if often dissenting economist, used to heap Thorstein-Veblen-style scorn on the notions that CEOs earn enormous salaries because of the great difficulty of their jobs. In his last book published during his lifetime, The Economics of Innocent Fraud (2004), he wrote:
"Work" describes both what is compelled and what is the source of the prestige and pay that others seek ardently and enjoy. Already fraud is evident in having the same word for both circumstances.

But this is not all. Those who most enjoy work - and this should be emphasized - are all but universally the best paid. This is accepted. Low wage scales are for those in repetitive, tedious, painful toil. Those who least need compensation for their effort, could best survive without it, are paid the most. The wages, or more precisely the salaries, bonuses and stock options, are the most munificent at the top, where work is a pleasure. This evokes no seriously adverse response. Nor until recently did the inflated compensation and extensive perquisites of functional or nonfunctional executives lead to critical comment. That the most generous pay should be for those most enjoying their work has been fully accepted.
The notion that "the market" somehow mystically produces just and rational outcomes from a societal viewpoint is at least as much in question now as it was in 1848, when the Communist Manifesto was first published. Even if from the perspective of 1989 in the USSR, that may not have seemed quite so obvious to Juri Burtin.

Monday, August 12, 2019

Ein Perestroika-Ära Blick auf Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie (1 von 2)

In diesem Jahr erhalten wir Retrospektiven der Revolutionen von 1989, als sozialistische Regierungen sowjetischen Modells in Osteuropa in die politischen Krisen eintraten, die sie schließlich beendeten.

Ich werde hier einen kleinen Beitrag dazu leisten, indem ich einen langen Essay bespreche, den ich endlich gelesen habe, der eine Weile in meiner mentalen Warteschlange gewesen war. Es ist eine deutsche Übersetzung eines Essays eines dissidenten sowjetischen Schriftstellers, Juri Burtin, Die Achillesferse der Marxschen Geschichtstheorie die in der Jahreszeitschrift erschienen Marx-Engels-Jahrbuch 13 (1991) ist, in der DDR für die Institute für Marxismus-Leninismus in Moskau veröffentlicht. Burtins Essay wurde erstmals 1989 in der UdSSR veröffentlicht.

Ich war daran interessiert, als Beispiel dafür, dass jemand die Veränderungen während eines großen Übergangs-Moment in der sozialistischen Welt untersucht hat.

Ich muss zugeben, dass Burtins Essay eine etwas enttäuschende Erfahrung war. Das Spannendste daran war, die verschiedenen Stränge des Arguments zu disaggregieren. Es liest sich mir wie die Arbeit eines Ausschusses oder wie eine Diskussion von drei Hauptteilnehmern, die von jemand anderem in einem Artikel mit einer einzigen Stimme zusammengefasst wurde. Einer der Teilnehmer argumentiert, dass der Marxismus eine dynamische demokratische Theorie war, die nach wie vor Bedeutung und Anwendung hat. Ein anderer argumentiert, dass, na ja, das Ganze vor einem Jahrhundert gut klang, aber es hat so ziemlich alles vermisst, was wichtig war. Ein anderer sucht einen Auftritt als Fürsprecher neoliberaler, "marktfundamentalistischen" radikalen Reformen in sozialistischen Ländern. Alles kombiniert zu einem von Feuilleton-Autor, die in einige Wörten eines würdevollen Kaffee-Tisch-Buches, um es alles klang sinnvoll wichtig zu machen.

Es ist ein Übergangsstück, indem es versucht, für das völlige Versagen des marxistischen Denkens zu argumentieren, während es versucht, es in den traditionellen sowjetischen Stil einzurahmen, von marxistischen Prämissen aus das Argument zu entwickeln.

Da Burtin versucht, auf marxistischer theoretischer Basis zu argumentieren, lobt er Marx und Engels gegen Ende als fantastische Genies, wenn es darum ging, die Entwicklungen ihrer eigenen Zeit zu analysieren, und findet sie gründlich der Demokratie verpflichtet. Aber er argumentiert auch, daß sie massiv über das Wesen des Kapitalismus getäuscht wurden und dass der Weg, den sie umarmten, unweigerlich zu einer Diktatur führt, sogar zu einer Ein-Personen-Diktatur.

Man könnte sagen, dass es kein völlig konsistentes Bild ist. Nicht einmal im "dialektischen" Sinne. Obwohl er sich bemüht, es so zu präsentieren, aber auch nicht sehr überzeugend.

Ich tue dies in zwei separaten Beiträgen. Dieser konzentriert sich auf ...

Demokratie

Burtin macht eine Version des demokratischen deterministischen Arguments, das damals unter westlichen Neokonservativen so populär war, dass der Kapitalismus von Natur aus dazu neigt, liberale Demokratie zu produzieren: "... die für Diktatoren aller Zeiten und Volker „überflüssige" Demokratie eine Lebensbedingung der modernen Gesellschaft - nicht mehr und nicht weniger -; sie ist ebenso nötig wie Luft und Wasser. (S. 197)

Dies war die Ära, die feierlichen Optimismus über den endgültigen Triumph sowohl der liberalen Demokratie westlichen Stils als auch des neoliberalen Kapitalismus hervorbrachte. Francis Fukuyamas Essay "Das Ende der Geschichte?" von 1989 gab dieser Ansicht ihren ikonischen Namen. Sie war für Befürworter der neoliberalen Wirtschaftsposition, die als "Washington-Konsens" bekannt wurde, attraktiv, weil sie argumentieren konnten, dass die Verbreitung konservativer Ökonomie und Handelsverträge zur Unternehmensderegulierung Bedingungen, die zu einer liberalen demokratischen Regierungsführung und ihrer Aufrechterhaltung führen.

In 2019, in Zeiten von Putin und Orbán, Bolsonaro und Modi, Trump und Salvini, scheint die Vorstellung, dass die liberale Demokratie in der Welt unweigerlich voranschreitet, geradezu liebenswert altmodisch.

Aber die Menschen im Jahr 1989 brauchten keine 30 Jahre Zukunftsvision, um Vorbehalte gegen diese Idee zu haben. Die Beispiele Großbritanniens und der Vereinigten Staaten aus dem 19. Jahrhundert könnten dieses Verständnis unterstützen. Aber der Kapitalismus entwickelte sich auch in Frankreich und Deutschland, im der österreichisch-ungarischen, osmanischen und russischen Reichen, und sie passen nicht so gut in den Rahmen der liberalen Demokratie, die unweigerlich vom Kapitalismus produziert wird. Die italienischen faschistischen und deutschen Nazi-Regime waren beide brutale Beispiele für kapitalistische Länder mit nichtdemokratischen Regimes. Beide liefern auch dramatische Fälle von großen kapitalistischen Interessen, die entschieden, dass sie die Demokratie nicht in ihrem Interesse hätten.

Und die Marke des neoliberalen Kapitalismus, die zum Standard für das "Ende der Geschichte" wurde, wurde in den militärischen Diktaturen Chiles (1974-90) und Argentiniens (1976-83) entwickelt und getestet. Nein, die notwendige Verbindung zwischen Demokratie und Kapitalismus ist nicht selbstverständlich.

Aber im Jahr 2019 bietet dies eine nostalgische Auseinandersetzung als Argument für Demokratie: "Was nun die eigentliche Demokratie betrifft, so genügt es zu ihrer Charakterisierung vielleicht, sich an einen einzigen Fakt zu erinnern - Watergate, die Geschichte, wie der 'Durchschnittsamerikaner', gekrankt durch die Unehrenhaftigkeit seines Präsidenten, diesen aus dem WeiBen Haus verjagte." (S. 198)

Ja, 1989 könnte Amerikas Bereitschaft, das Amtsenthebungsverfahren zu nutzen, um einen kriminellen Präsidenten zu erzwingen, als offensichtliches Argument für den Wert der Demokratie benutzt werden. Nixons Rücktritt war damals erst 15 Jahre her. Dreißig Jahre später sieht die amerikanische Demokratie angesichts weitaus schwerwiegenderen Fehlverhaltens des derzeitigen Bewohners des Weißen Hauses nicht ganz so robust aus.

Die Teile des Essays über Demokratie sind im Grunde eine Polemik gegen die Vorstellung, dass konzentrierter Reichtum, Klassenrealitäten oder oligarchische Korruption der Demokratie sinnvolle Zwänge auferlegen können. Und deshalb für die Idee, dass es illegitim ist, über solche Probleme zu sprechen, die die Demokratie einschränken.

Burtin macht tatsächlich ein Burke‘schen-Argument über Demokratie, ein nominell demokratisches, aber eigentlich reaktionäres. Da er das Argument im Sinne des historischen Marxismus umrahmt, diskutiert er marxistische und leninistische Demokratiekonzepte und beschwört rituell "die Klassiker des Marxismus" (S. 194).

Er simultan argumentiert, dass Marx und Engels eine radikale demokratische Perspektive hatten und dass ihre Perspektive grundsätzlich antidemokratisch war. "Der Kern meines Gedankens besteht darin, daß wir Menschen am Ende des 20.Jahrhunderts in einer Welt Ieben, die schlecht oder gut sein mag, die aber von der, auf deren Boden die ldeen nicht nur von Marx, sondern auch von Lenin geboren wurden, wie der Himmel von der Erde entfernt ist." (S. 205)

Burtin macht, was einem konventionellen Kommentar des Kalten Krieges über das marxistische Konzept der "Diktatur des Proletariats" gleichkommt. Hier wird die breite theoretische Aufarbeitung des Marxismus als ökonomisch-sozial-politische Weltsicht durch die besonderen Formen erschwert, die der Arbeiterstaat im Sowjetblock und in China und in verwandten Systemen einnahm. Im 19. Jahrhundert war das Konzept der Diktatur des Proletariats mit der marxistischen Vorstellung verbunden, daß die Regierung unter dem Kapitalismus de facto als Diktatur der kapitalistischen Klasse funktioniert. Das breite sozialdemokratische und marxistische Ziel war es damals, für die parlamentarische Demokratie zu kämpfen, mit dem Ziel, die Kontrolle über die Regierungsorganisation zu erreichen und sie auf die Politik im Interesse der Arbeiterklasse und der Errichtung des Sozialismus auszurichten. In der klassischen marxistischen Konzeption wäre dies eine Regierung, die die Mehrheit repräsentiert, die auf "diktatorische" Mittel zurückgreifen müsste, falls die kapitalistische Opposition versuchen würde, die demokratische Regierung mit Gewalt zu stürzen.

Das Konzept des "Absterbens des Staates", das mit Engels identifiziert ist, der in den letzten Jahrhunderten auch viel Diskussion, Kontroverse und eine Flut von Polemik hervorrief, hängt auch mit der klassischen marxistischen Definition als Staat als Instrument der Klassenkontrolle zusammen. Sobald Klassen im historischen Sinne abgeschafft sind, würde es keinen Staat mehr im Sinne eines Mechanismus der Klassenherrschaft geben. Die öffentliche Verwaltung wäre weiterhin erforderlich, auch sehr komplexe Arten. Aber das wäre kein "Staat"im wahrsten Sinne des Wortes.

(Wenn sich jemand dazu inspiriert fühlt, Frederick Engels' Version davon herauszusuchen, sie steht im Anti-Dühring, Dritte Abschnitt (Sozialismus) Kapitel 2 (Theoretisches), wo er schreibt, dass im Übergang zum Sozialismus, “Das Proletariat [Arbeiterklasse] ergreift die Staatsgewalt und verwandelt die Produktionsmittel zunächst in Staatseigentum. Aber damit hebt es sich selbst als Proletariat, damit hebt es alle Klassenunterschiede und Klassengegensätze auf, und damit auch den Staat als Staat.“)

Man kann mit Sicherheit sagen, dass das allgemeine Verständnis dessen, was Regierungen ("Staaten") heute sind, auch die Verwaltung einer klassenlosen Gesellschaft als "Staat" betrachten würde. Wenn diese Konzepte des 19. Jahrhunderts in zeitgenössischer Hinsicht skurril erscheinen, würde ich argumentieren, dass dies auch damit zusammenhängt, wie Marx und Engels die hegelianische Vorstellung vom Ende der Geschichte übersetzt haben. Es lag nicht daran, dass sie sich in einem unscharfen Utopismus engagierten, wie Burtin stark unterstellt.

Es war auch eine Frage der praktischen Diskussion in Engels' Zeit, wie der demokratische Staat nehmen sollte, d.h. die Sozialdemokraten neigten dazu, eine einheitliche parlamentarische Regierungsanzeige zu bevorzugen, die nicht besonders gern Madisonian-Montesquieuian Vorstellungen von der Trennung von Macht und checks-and-balances, die auch eine Lieferung von Zitaten bieten, die polemisch in Burtins Polemik-Stil verwendet werden können.

Burtins skurrile theoretische Argumente zu diesen historischen Konzepten sagen nichts besonders Bedeutsames über die realen demokratischen Defizite in den sozialistischen Ländern von 1989 aus. Und sein Umgang mit der Geschichte demokratischer Konzepte ist als Beispiel für einen Versuch von 1989, einen wichtigen historischen Übergangsmoment theoretisch zu verstehen, interessant. Aber als historische Argumente fehlen sie besonders.

A perestroika era look at capitalism, socialism, and democracy (1 of 2)

This year we're getting retrospectives of the Revolutions of 1989, when Soviet-model socialist governments in eastern Europe entered the political crises that finally ended them.

I'll make a tiny contribution here by discussing a long essay I finally got around to reading that had been in my mental queue for a while. It's a German translation of an essay by a dissident Soviet writer, Juri Burtin, Die Achillesferse der Marxschen Geschichtstheorie ["The Achilles Heel of the Marxist Theory of History"] that appeared in the annual journal Marx-Engels-Jahrbuch 13 (1991), then published in East Germany for the Institute for Marxism-Leninism in Moscow. Burtin's essay was first published in the USSR in 1989.

I was interested in it as an example of someone examining the changes during a huge transitional moment in the socialist world.

I have to admit Burtin's essay was a somewhat disappointing experience. The most engaging thing about it was to disaggregate the various strands of the argument. It reads to me like the work of a committee, or like a discussion by three main participants that was summarized by someone else into an article using a single voice. One of the participants argues that Marxism was a dynamic democratic theory that has continuing significance and application. Another argues that, okay, the whole thing sounded good a century ago but it missed pretty much everything that was important. Another one is looking for a gig as an advocate for neoliberal, "free-market" radical reform in socialist countries. All combined into one by by feature writer that tosses in some dignified coffee-table-book reference to make it all sound sensibly important.

It is a transition piece in that it tries to argue for the complete failure across the board of Marxist thinking while trying to frame it in the traditional Soviet style of proceeding from Marxist premises in developing the argument.

Since Burtin is trying to argue on a Marxist theoretical basis, he praises Marx and Engels toward the end as incredible geniuses when it came to analyzing the developments of their own time and finds them thoroughly committed to democracy. But he also argues that they were massively deceived about the nature of capitalism and that the path their embraced inevitably leads to dictatorship, even one-person dictatorship.

We might say that it's not an entirely consistent picture. Not even in a "dialectical" sense. Although he does make some effort to present it that way, also not very convincingly.

I'm doing this in two separate posts. This one focuses on ...

Democracy

Burtin makes a version of the democratic determinist argument so popular among Western neoconservatives at the time, which is that capitalism inherently tends to produce liberal democracy:
... die für Diktatoren aller Zeiten und Volker „überflüssige" Demokratie eine Lebensbedingung der modernen Gesellschaft - nicht mehr und nicht weniger -; sie ist ebenso nötig wie Luft und Wasser. (S. 197)

... the democracy that for dictators of all times and peoples is "superfluous" is no more and no less the condition for life of modern society; it is just as necessary as air and water.
(All translations from the German in this post are mine.)

This was the era that spawned celebratory optimism about the definitive triumph of both Western-style liberal democracy and neoliberal capitalism. Francis Fukuyama's 1989 essay "The End of History?" gave this view its iconic name. It was appealing for for advocates of the neoliberal position on economics that came to be known as the "Washington Consensus" because it allowed them to argue that spreading conservative economics and corporate-deregulation trade treaties would promote conditions leading to liberal democratic governance and its maintenance.

In 2019, in the times of Putin and Orbán, Bolsonaro and Modi, Trump and Salvini, the notion that liberal democracy is inevitably advancing in the world seems downright quaint.

But people in 1989 didn't need 30 years of future vision to have reservations about that idea. The 19th century examples of Britain and the United States could support that understanding. But capitalism was also developing in France and Germany, the Austro-Hungarian, Ottoman and Russian Empires, and they don't fit as well into the framework of liberal democracy being inevitably produced by capitalism. The Italian Fascist and German Nazi regimes were both brutal examples of capitalist countries with non-democratic regimes. Both also provide dramatic cases of big capitalist interests decided they thought democracy was not in their interest.

And the brand of neoliberal capitalism that became the standard for the "end of history" was pioneered and tested in the military dictatorships of Chile (1974-90) and Argentina (1976-83). No, the necessary link between democracy and capitalism is not self-evident.

But in 2019, this provides a nostalgic take as an argument for democracy:
Was nun die eigentliche Demokratie betrifft, so genügt es zu ihrer Charakterisierung vielleicht, sich an einen einzigen Fakt zu erinnern - Watergate, die Geschichte, wie der „Durchschnittsamerikaner", gekrankt durch die Unehrenhaftigkeit seines Prasidenten, diesen aus dem WeiBen Haus verjagte. (S. 198)

[As for democracy, perhaps it suffices here to characterize it by remembering a single fact - Watergate, the story of how the "average American," sickened by the dishonorable conduct of his President, chased him out of the White House.]
Yes, in 1989, America's willingness to use the impeachment process to force out a criminal President could be used as an obvious argument for the value of democracy. Nixon's resignation was only 15 years in the past then. Thirty years later, American democracy isn't looking quite so robust in the face of far more serious misconduct by the White House's current occupant.

The parts of the essay on democracy are basically a polemic against the idea that concentrated wealth, class realities, or oligarchical corruption can put any meaningful constraints on democracy. And therefore for the idea that it's illegitimate to talk about such problems restricting democracy.

Burtin actually makes a Burkean argument about democracy, nominally democratic but actually reactionary. Since he's framing the argument in terms of historical Marxism, he discusses Marxist and Leninist concepts of democracy and makes ritual invocations of "the classics of Marxism" (194)

He simultaneously argues that Marx and Engels had a radical democratic perspective and that their perspective was fundamentally anti-democratic:
Der Kern meines Gedankens besteht darin, daB wir Menschen am Ende des 20.Jahrhunderts in einer Welt Ieben, die schlecht oder gut sein mag, die aber von der, auf deren Boden die ldeen nicht nur von Marx, sondern auch von Lenin geboren wurden, wie der Himmel von der Erde entfernt ist. (S. 205)

[The core of my thought is that at the end of the 20th century we humans live in a world that may be bad or good, but on whose soil the ideas born not only from Marx but also by Lenin, are as far removed as the heavens from the earth.]
Burtin makes what amounts to a conventional Cold War commentary on the Marxist concept of "dictatorship of the proletarian". Here the broad theoretical argument about Marxism as an economic-social-political worldview is complicated by the particular forms the workers' state took in the Soviet bloc and China and related systems. In the 19th century, the concept of the dictatorship of the proletariat was connected with the Marxist notion that government under capitalism functions as a de facto dictatorship of the capitalist class. The broad social-democrtic and Marxist goal then was to fight for parliamentary democracy with the goal of achieving control of the governmental organization and reorient it to policies in the interest of the working class and the establishment of socialism. In the classical Marxist conception, this would be a government representing the majority that would have to resort to "dictatorial" means in the case that the capitalist opposition would attempt to overthrow the democratic government by force.

The concept of the "withering away of the state" identified with Engels that also engendered much discussion, controversy, and a flood of polemics over the last couple of centuries is also related to the classical Marxist definition as the state as an instrument of class control. Once classes in the historical sense are abolished, a state in the sense of a mechanism of class domination would no longer exist. Public administration would still be needed, including very complex types. But that would not be a "state" in the previous sense.

(If anyone feels inspired to run down Frederick Engels’s version of this, it’s in Anti-Dühring, Part 3 (Socialism) Chapter 2 (Theoretical), where he writes that in the transition to socialism, The proletariat [working class] seizes political power and turns the means of production in the first instance into state property. But, in doing this, it abolishes itself as proletariat, abolishes all class distinctions and class antagonisms, abolishes also the state as state.“)

It's safe to say that the general understanding of what governments ("states") are today would also view administration of a classless society as a "state". If those 19th-century concepts seem quircky in contemporary terms, I would argue that that is also related to how Marx and Engels translated the Hegelian notion of the end of history. It wasn't because they were engaging in fuzzy utopianism, as Burtin heavily insinuates.

It was also a matter of practical discussion in Engels' time what form the democratic state should take, i.e., the social democrats tended to favor a unitary parliamentary government and weren't especially fond of Madisonian-Montesquieuian notions of separation of power and checks-and-balances, which also provide a supply of quotes that can be used polemically in Burtin's style of polemics.

Burtin's gauzy theoretical arguments on those historical concepts say nothing particularly meaningful about the real existing democratic deficits in the socialist countries of 1989. And his treatment of the history of democratic concepts is interesting as an example of an 1989 attempt at theoretically understanding an important transitional historical moment. But as historical arguments, they are notably lacking.